Pilgerwanderung

Empfinden Sie Freude und finden Sie sich selbst auf den Spuren der Heiligen Birgitta.

Eine der stärksten Szenen der Filmgeschichtestammt aus dem Meisterwerk The Mission, das 1986 in die Kinos kam. Der Film handelt kurz gesagt von einem Sklavenhändler, gespielt von Robert De Niro, der seinen Bruder tötet und sich dann selbst bestraft, indem er einen großen Sack mit Schrott die lehmigen Berghänge an den Iguazú-Wasserfällen hinaufschleppt. In der Szene trifft ein erschöpfter De Niro auf eine Gruppe bekehrter Guaraní- Indianer und ihren Jesuitenpriester, gespielt von Jeremy Irons. Die Begegnung hat schließlich zur Folge, dass De Niro den Sinn des Lebens erkennt.

Für einige von uns spiegelt die Szene recht gut das Bild wider, das wir von einer Pilgerwanderung haben. Man soll Buße tun, sich plagen und mit seinen Dämonen konfrontiert werden, um am Ziel durch eine Art Vergebung von einer höheren Macht gesegnet zu werden.

Heute ist das allerdings nicht mehr ganz so. Aber die Pilgerwanderung ist trotzdem ein faszinierendes mystisches Überbleibsel aus verschwundenen Zeiten, die Östergötland in allerhöchstem Maße ihren Stempel aufgedrückt haben Wir haben unser Auto gepackt und uns auf eine Pilgerfahrt (das wurde uns klar, als wir etwas mehr über das Thema erfahren hatten) auf den Spuren der Heiligen Birgitta begeben - von Linköping über das Kloster Vreta bis zur Birgittakirche in Vadstena.

Vom Nonnenkloster der Benediktiner in Vreta sind leider nur noch Ruinen übrig, aber dank hilfreicher und pädagogisch wertvoller Informationen vor Ort bekommt man ein klares Bild davon, wie das Kloster mal ausgesehen hat und wie es im Kloster zugegangen ist. Das Kloster wurde um 1100 gegründet und war bis 1582 bewohnt. Die Klosterkirche ist erhalten und im Sommer ist es dort sehr hübsch.

Unsere Fahrt geht weiter in Richtung Vadstena, wo wir im Pilgercentrum mit dem für die Pilger zuständigen Priester Tomas Wettermark verabredet sind. Er weiß das meiste darüber, was über Pilgerziele und Pilgerwanderungen wissenswert ist.

„Wenn man historisch zurückblickt, lässt sich sagen, dass sich die Motive für die Wanderungen wenigstens teilweise geändert haben. Zu Zeiten der Heiligen Birgitta (1303–1373), als Pilgerwanderungen schon eine bekannte Erscheinung waren, bestand das Motiv manchmal, aber nicht ausschließlich, darin, einen Bußgang zu tun. Man hatte etwas getan, das ganz einfach nicht gut war, und man wollte es mithilfe einer physischen Anstrengung wiedergutmachen, indem man z. B. nach Vadstena wanderte. Zu der Zeit konnte man sogar als Strafe dazu verurteilt werden“, erklärt Tomas Wettermark.

„Aber natürlich waren die Motive dabei im Wesentlichen die gleichen wie heute: Entdeckerlust, Zeit für Gedanken und Gebete sowie die Freude, das Ziel zu erreichen. Heute haben wir Gott sei Dank eine ganz andere Situation. Sicher gibt es immer noch diejenigen, die sich auf eine Pilgerwanderung begeben, um Buße zu tun und sich mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen, weil sie etwas Dummes getan haben, aber für die allermeisten ist es eine Kombination aus spirituellem Erlebnis und physischer Anstrengung.“

„Den Begriff Pilgerwanderung in kurzer Form zu definieren,ist schwierig. Das Wort Pilger kommt vom lateinischen pelegrinos, das sich wiederum vom Begriff per ager ableitet, was über den Acker bedeutet. Daran ist erkennbar, dass es sich um eine äußere Wanderung durch Wald und Flur handelt, um zu sehen, was sich hinterm Horizont befindet. Und dann gibt es noch jede Menge Untertöne, so dass eine Pilgerwanderung vielleicht kein ganz beliebiger Spaziergang ist. Wenn wir hier im Pilgercentrum das Wort Pilger benutzen, möchten wir gerne eine christliche, geistige oder religiöse Deutung der Wanderung haben. Es ist ein Symbol für das Leben, ein Abbild der Wanderung durchs Leben ab dem Tag der Geburt und die Wanderung führt über Äcker, Felder und Asphalt und man begegnet dabei Menschen und Dingen, die man hinter sich lässt. Die ganze Zeit über sehnt man sich unterwegs zu neuen Zielen, in Richtung des endgültigen Ziels, dem Himmel oder Paradies.“

Bringt eine Pilgerwanderung auch einem, sagen wir mal, leicht übergewichtigen Atheisten Mitte 40, der sich in Östergötland umsehen möchte, auch etwas? „Ja, absolut. Meiner Meinung nach sind alle Menschen gewissermaßen Pilger. Das heißt, sie sind zu etwas unterwegs. Und bei einer Wanderung, unabhängig vom Zweck, nimmt man Hilfe von dem, was einem unterwegs begegnet, entgegen. Von einem hübschen Blick auf den Fjord Bråviken, den Vätternsee oder ein wogendes Feld. Es ist klar, dass das nicht nur unter fotografischen Aspekten ein hübscher Anblick ist, sondern davon zeugt, dass es eine schöpferische Kraft gibt, eine Art Quelle des Lebens, die erstaunt und über die man Freude empfindet. Ebenso ist es, wenn man unterwegs etwas begegnet, das hässlich ist und bei dem man mithelfen möchte, es schöner zu machen. Es wird eine Art Berufung oder Auftrag im Menschen geweckt, wenn man anfängt, darüber zu reflektieren, wie es hier eigentlich aussieht.“

IN ÖSTERGÖTLAND GIBT ES zwei gut instand gehaltene Pilgerwanderwege mit der Klosterkirche Vadstena, in der der Reliquienschrein der Heiligen Birgitta aufbewahrt wird, als Hauptziel. Am bekanntesten ist der Wanderweg Klosterleden, der am Kloster Krokek beginnt und über Norrköping zu den ehemaligen Klostern in Söderköping und Askeby, zum Dom und Konvent in Linköping, zum Kloster Vreta, zu den Klosterruinen in Skänninge und zur Klosterkirche Vadstena führt. Weiter geht es dann zum Kloster zum Heiligen Herzen in Borghamn und zum Kloster Alvastra in Omberg, wer das möchte. Insgesamt ist der Wanderweg ca. 270 Kilometer lang. Am häufigsten wird die Strecke zwischen Linköping und Vadstena (ca. 75 km) gewandert, die drei bis vier Tage in Anspruch nimmt, oder die ca. 40 Kilometer zwischen Alvastra und Vadstena, für die man in gemächlichem Tempo zwei, drei Tage braucht. Übernachten kann man unterwegs in Gemeindehäusern oder Jugendherbergen.

 

Der zweite Wanderweg, der Birgittaleden (85 km), wurde vom Pilgercentrum erst am Himmelfahrtswochenende 2011 eingeweiht und wird 2016 weiter ausgebaut, so dass er in Söderköping beginnt und der gleichen Strecke folgt, auf der die Reliquien der Heiligen Birgitta gebracht wurden, als sie 1374 wieder zurück nach Östergötland kam. Von Söderköping führt den WegLinköping vorbei und weiter am Göta Kanal entlang, bevor das abschließende Ziel an der Klosterkirche Vadstena erreicht ist.

Klingt das zu anstrengend? Sie können ganz beruhigt sein – es wird keinesfalls gefordert, den gesamten Wanderweg zu bewältigen, um als Pilger klassifiziert zu werden.

„Nein, nein, jeder Ort ist ein Ziel“, versichert Tomas Wettermark. „Wichtig ist, daran zu denken, dass jeder Ort, den man erreichen möchte, unabhängig davon, ob es Korpilombolo, Söderköping oder Gränna ist, ein Pilgerziel für sich ist. Das, was man die ganze Zeit über sucht, sind Orte von Begegnungen zwischen Menschen und – wer will – von Begegnungen zwischen Menschen und Gott. Wir rechnen alle, die hierher ans Ziel in Vadstena kommen, als Pilger, egal, ob sie zu Fuß oder mit dem Rad, Auto, Bus oder Boot gekommen sind. Man hat sich aufgemacht und hat Äcker und Felder und vielleicht einen See überquert, um ein Ziel zu erreichen und daran erinnert zu werden, dass es das Ziel gibt. Wir verwenden eine recht großzügige oder weit gefasste Definition davon, was ein Pilger ist.“

Jedes Jahr treffen etwa fünftausend wandernde Pilger in Vadstena ein. Die Zahl der Pilger, die andere Transportmittel wählen, um Vadstena, die Klosterkirche und das Pilgercentrum zu besuchen, beträgt ca. 400.000 jährlich. Viele entscheiden sich dafür, im Gästehaus des Pilgercentrums zu übernachten und an einem der Kurse, Tagungen, Retreats und Wanderungen teilzunehmen.

Vor dem Eingang des Pilgercentrums steht ein Bündel mit etwa 20 abgenutzten Wanderstöcken, die frühere Pilger hier hinterlassen haben. Weiter geht unsere Fahrt zur Klosterkirche, nur etwa Hundert Meter hinunter zum Ufer des Vätternsee. Die Kirche wurde 1430 eingeweiht und ihre Architektur und Gestaltung stammt, laut Angaben der Heiligen Birgitta, von genauen Anweisungen von Jesus Christus selbst, die mithilfe von Offenbarungen an Birgitta übermittelt wurden. Unter anderem soll er ausgerichtet haben, dass die Kirche keine Wandmalereien außer denen, die sein Leiden darstellen und an seine Heiligkeit erinnern, haben soll.

Uns wird eine exklusive Führung durch den Küster Ronny Nilsson angeboten – dessen Aufgabe es ist, in der Kirche für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen und die Betstunden vorzubereiten, die an allen Wochentagen um 09.00, 12.00 und 15.00 Uhr stattfinden, außer sonntags, wenn um 11.00 Uhr Hauptgottesdienst ist. Die enorme Kirche beinhaltet eine ganze Reihe historisch wichtiger Objekte. In erster Linie das Pilgerziel, den Reliquienschrein der Heiligen Birgitta, der mit Panzerglas geschützt ist. Nach ihrem Tod im Jahre 1373 wurden die Überreste der Heiligen Birgitta im Rahmen einer Prozession in einer Holzkiste von Rom nach Vadstena überführt. Eine Pilgerwanderung erster Klasse. Der Schrein ist ebenso wie der Sarg, in dem der Schrein transportiert wurde, heilig, da sie mit Birgitta Birgersdotter in Kontakt waren, die 1391 von Papst Bonifatius IX für heilig erklärt wurde. 1999 wurde sie zur Schutzheiligen für Europa erhoben.

Ronny erzählt, dass die Klosterkirche von vielen Menschen aus Deutschland und Italien besucht wird und dass auch eine Reihe von Dänen und Norwegern kommen. Das Gleiche gilt für das Sancta Birgitta Klostermuseum, das sich nur 50 Meter von der Klosterkirche entfernt im alten Königspalast befindet.

„Das Klostermuseum ist ein Teil des Pilgerziels Vadstena, so dass die meisten Pilger, die die Klosterkirche besuchen, auch zu uns kommen“, erzählt Markus Lindberg, der Museumsleiter.

Das Museum ist frisch renoviert und in der ersten Etage gibt es unter anderem 59 Zellen, in denen ebenso viele Nonnen untergebracht waren, die das Nonnengelöbnis abgelegt hatten, für den Rest ihres Lebens keusch, gehorsam und in Armut zu leben.

Wir gehen zu unserem einfachen Nachtquartier.

Nach erholsamer Nachtruhe treffen wir beim Frühstück im Pilgercentrum Tomas Wettermark.

Es findet nämlich ein Pilgerkurs mit ca. 20 Teilnehmern statt. Ich kann nicht anders und stelle ihm ein paar Fragen, die mir keine Ruhe lassen.

Wenn ich mich auf eine Pilgerwanderung begebe, um ein spirituelles Erlebnis zu haben, ich aber nur daran denken kann, wie mir mein Sauerteigbrot am besten gelingt... Gibt es einen Kniff, wie man es am besten anstellt, auf den rechten Weg zu kommen?  „Ja, den gibt es. Wir schlagen verschiedene Gebetsbücher vor und wir haben einen Reiseführer für den Wanderweg Klosterleden und eine kleine Broschüre für den Birgittaleden mit Vorschlägen, wie man diese Tage auch gedanklich verbringen kann. Ein Gedichtband kann unterwegs auch zur Meditation anregen. Aber meist ist es wohl so, dass der Weg an sich dem Pilger etwas offenbart. Es entstehen dabei viele gute Gedanken oder es entsteht etwas im Herzen und man fängt an, sich mit Dingen zu beschäftigen und stellt fest, dass innerlich ein sehr guter Dialog entstanden ist. Man beginnt die Wanderung meist als physische Anstrengung, aber zum Schluss findet man zu sich selbst oder sogar zu Gott.“

Wurde die Pilgerwanderung in den Tausenden von Jahren, in denen es dieses Phänomen schon gibt, eigentlich mal modernisiert oder sind es noch die gleichen Wege mit dem gleichen Ziel? „Haha, ja, sowohl ja als auch nein. Man kann sicher sagen, dass die äußeren und inneren Bedingungen, dass man sich danach sehnt, loszuziehen und den Spuren seiner Väter und Mütter zu folgen und das zu tun, was alle anderen zu allen Zeiten schon getan haben, auf Wegen, auf denen andere schon unterwegs waren und diese Ziele zu erreichen, dass das für viele von uns auch heute noch wichtig ist.“

Wir bedanken uns herzlich und machen uns auf den Heimweg. Im Auto herrscht jetzt eine eigentümliche Ruhe. Man kann es Erleuchtung nennen. Oder gewonnene Einsicht oder Heimweh.

Robert De Niro würde es sicher als Peace of Mind bezeichnen.


Text: Albin Wiberg
Foto: Johnny Franzén