Zurück in die Zukunft

Erleben Sie Hochtechnologie und die Geschichte der schwedischen Luftstreitkräfte auf Weltklasseniveau.

Neue Technik kommt in vielen Erscheinungsformen und entsteht aus vielen verschiedenen Gründen. Und um ehrlich zu sein, ist das meiste davon für die Mehrzahl von uns zu kompliziert, weil man eine Ingenieursausbildung oder zwei braucht, um zu verstehen, wie die Dinge funktionieren. Zwei hochoktanige Besuchsziele in Östergötland, deren wichtigster Zweck es ist, die Technik der Allgemeinheit begreiflich und zugänglich zu machen, sind das Luftwaffenmuseum mit Flugtechnik, die meist einer bestimmten Periode zugeordnet werden kann, und das Visualiseringscenter C, wo das Allerneueste im Bereich Hochtechnologie vorgestellt wird.

„In vielen Fällen ist neue Technik sehr komplex und schwer verständlich, aber das Sehvermögen ist unsere aktivste Sinneswahrnehmung und indem wir komplizierte Dinge visualisieren, erzeugen wir Verständnis dafür, wie man lernen kann, neue Technik anzuwenden”, erklärt Johan Klittmark, Leiter von Visualiseringscenter C.

Tatsache ist, dass es für die Gemeinde Norrköping, die Universität Linköping, Norrköping Science Park und The Interactive Institute Swedish ICT so wichtig war, dass die Öffentlichkeit Einblick in die technischen Errungenschaften, die aus der Region kommen, erhält und sie versteht, dass ein Konsortium gebildet wurde, um das Visualiseringscenter C zu gründen und die Ergebnisse dort vorzustellen.

DAS CENTER wurde am 27. Mai 2010 in der hübschen, gut erhaltenen und sorgfältig restaurierten Industrielandschaft im zentralen Norrköping eröffnet. Hierher kommen Besucher aus nah und fern, um sich über bedeutsame Aspekte des Technikwunders Östergötlands zu informieren. Der Zweck besteht also darin, uns normale Sterbliche auf clevere und leicht verständliche Art die supermoderne Visualisierungsforschung, die an der Universität Linköping, Campus Norrköping betrieben wird, begreiflich zu machen.

„Ziel ist es, vor allem Kinder dazu zu bringen, Technik zu erforschen und mehr darüber zu lernen und bei ihnen das Interesse für naturwissenschaftliche Fächer zu wecken. Wir laden Schülergruppen ein, die uns entweder zu Lernzwecken mit der Klasse oder im Rahmen einer Klassenfahrt besuchen. Viele Schüler beginnen mit Themenarbeiten oder schließen sie ab, die aufgrund einer unserer Ausstellungen hier gewählt wurden, und wir haben einen angestellten Pädagogen, der mit unseren Schulprogrammen arbeitet”, berichtet Johan Klittmark.

Für uns, die gerade mal gelernt haben, eine App herunterzuladen, ist es ein ziemlich schwindelerregendes Erlebnis, im Visualiseringscenter C umherzulaufen, ein aufregend-kribbelndes Gefühl, als wenn man in ein geheimes Zukunftslabor eingebrochen ist, kombiniert mit einer kindlichen Faszination darüber, tatsächlich nicht nur alles anfassen, umdrehen und testen zu dürfen, sondern geradezu dazu aufgefordert zu werden.

EINE ETAGE HÖHER GESELLT sich Produktionsleiterin Katarina Sperling zu uns. Hier befindet sich die Dauerausstellung mit dem vielsagenden Titel „Zeigen, was man nicht sehen kann 2.0”, wo man unter anderem mithilfe eines Visualisierungstisches sehen kann, welche Bestandteile des Gehirns bei verschiedenen Aktivitäten verwendet werden. An einer anderen Installation kann man testen, Synapsen, die sich auf dem Boden in einem großen Halbkreis mit LED-Bildschirmen bewegen, miteinander zu verbinden.

„Dort hinten hast du einen Mikrokosmos und hier etwas, das wir Das Essen auf dem Tisch nennen, bei dem es um nachhaltige Entwicklung und ökologische Fußabdrücke geht. Mithilfe eines Touchboard kann man Ikons für verschiedene Nahrungsprodukte erstellen und sehen, wie viel an Kohlendioxidemissionen bei einem Nahrungsmittel während des Lebenszyklus entsteht”, berichtet Katarina, während sie gleichzeitig auf ein Knäckebrot und ein Stück südamerikanisches Rindfleisch klickt.

Etwas weiter finden wir an einem anderen Touchboard den Urban Explorer, wo man sich eine dreidimensionale Version von Norrköping etwas näher ansehen kann. Das ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Visualiseringscenter, dem Amt für Stadtentwicklung und dem Wohnungsunternehmen Hyresbostäder in Norrköping und abgesehen davon, dass die Besucher jede Straßenecke der Stadt genau unter die Lupe nehmen können, wird das 3D-Modell dazu verwendet, Stadtentwicklungsfragen zu erleichtern.

Hier in der ersten Etage findet man auch den echten Superstar der Visualisierungsforschung Östergötlands – den virtuellen Obduktionstisch, der eigentlich alleine schon einen exklusiven Artikel wert ist und eine ganze Branche revolutioniert hat. Hinter dem bahnbrechenden und enormen internationalen Erfolg stehen Forscher von Visualiserings center C mit Professor Anders Ynnerman an der Spitze.

Die medizinischen Errungenschaften, die der virtuelle Obduktionstisch zur Folge hatte, sind enorm, aber der größte Vorteil ist vielleicht trotz allem, dass der Obduktionstisch die edle Zielsetzung von Visualiseringscenter C manifestiert, Hochtechnologie den Menschen näher zu bringen. Hier kann plötzlich ein Fünfjähriger, ein Klempner, ein neugieriger Fotograf oder wer auch immer die gleichen Daten abrufen und Untersuchungen auf die gleiche Art wie Ärzte, Archäologen, Zoologen oder Experten des British Museum anstellen.

Wenn der virtuelle Obduktionstisch der Zlatan Ibrahimovic der Visualisierungsforschung ist, dann ist das Kino „Domen” der Umkleideraum, in dem die Mannschaft zu einer Einheit zusammengeschweißt wird. Das Kino mit 102 Plätzen bietet mit seiner konkaven Leinwand ein schwindelerregendes 3D-Erlebnis. Mehrere der Produktionen, die dort gezeigt werden, sind im Visualiseringscenter C entstanden. Eine knappe Stunde entfernt, sieben Kilometer westlic der Nachbarstadt Linköping, befindet sich in Malmslätt ein ebenso aufregendes, aber bedeutend handfesteres Beispiel für schwedische Ingenieurskunst.

Die erste Ausstellungshalle im jetzigen Museumsgebäude wurde im März 1984 von König Carl XVI Gustaf persönlich eingeweiht. 1989 war es Prinz Bertil, der bei der Eröffnung der zweiten Halle das Band zerschnitt, und im Juni 2010 gab es im Luftwaffenmuseum eine Neueröffnung, als dessen größte und durchgreifende Erweiterung abgeschlossen war. Der Erfolg stellte sich sofort ein. Das Museum wurde 2010 für die beste Ausstellung und 2011 als Museum des Jahres ausgezeichnet.

„Wir haben Östergötlands flughistorischer Gesellschaft (ÖFS) viel zu verdanken. Der Verein wurde 1967 mit dem Ziel gegründet, ein Luftwaffenmuseum einzurichten, und dank der Bemühungen des Vereins haben wir heute hier ein Museum”, berichtet Elisabeth Lagvik, Leiterin des öffentlichen Bereichs des Luftwaffenmuseums, und fährt fort:

„Im Verein gibt es eine Restaurierungsgruppe, die fast 30 Jahre lang an der SAAB B 18 gearbeitet und sie ganz toll hinbekommen hat. Diese Enthusiasten helfen auch, indem sie samstags und sonntags im Museum sind und Fragen derBesucher zu den Flugzeugen beantworten. Sie sind eine enorme Bereicherung für das ganze Museum.”

Ja gewiss, ÖFS hat eine ganze Menge an Hardware beigesteuert, aber es sind die Angestellten des Museums, die dem Luftwaffenmuseum den letzten Schliff verpasst haben, indem sie es der breiten Masse zugänglich gemacht und interessant gestaltet haben. Im Fluglabor können Sie ungehemmt (es macht nichts, wenn Sie es vermasseln) Ihre wildesten Flugträume ausleben und sich mithilfe einer Computeranimation Ihr eigenes Flugzeug bauen, ausprobieren, wie es ist, Fluglotse auf einem Kontrollturm zu sein, die Aerodynamik spüren, die Signalaufklärung testen und in einem Simulator ein Flugzeug Ihrer Wahl steuern. Es gibt auch einen speziellen Simulator für das Kampfflugzeug Gripen, bei dem aber eine Anmeldung erforderlich ist, da Ihnen dabei ein Instrukteur zur Seite steht.

„Das Fluglabor wurde für Kinder als wichtigste Zielgruppe geschaffen, aber alle sind willkommen, das mal auszuprobieren”, sagt Elisabeth Lagvik.

Es kann also in gewisser Weise vorteilhaft sein, den Besuch ohne Kinder einzuplanen, sofern Sie sich mal so richtig entfalten möchten – mittwochs ist das Museum bis 20.00 Uhr geöffnet.

Das Luftwaffenmuseum befindet sich für Flugzeugenthusiasten auf heiligem militärischem Boden. Hier in Malmen hat der schwedische Flugzeugpionier Carl Cederström 1912 die erste Flugschule des Landes eröffnet. Das stilechte und prächtige Museumsgebäude aus Glas mit schwarz gestrichener Fassade ist eine Sehenswürdigkeit für sich, die ins Auge fällt.

„Das Luftwaffenmuseum ist formell 1977 nach einem Beschluss des schwedischen Reichstags zur Gründung eines Museums für die schwedischen Luftstreitkräfte entstanden, analog zu dem bereits vorhandenen Armeemuseum und dem Marinemuseum, so dass jede der drei Waffengattungen ein Museum hat”, erklärt Elisabeth Lagvik.

Da ist keine schlechte Sammlung zusammengekommen. Mehrere der etwa 300 Fluggeräte der Sammlungen sind Exemplare, die weltweit einzigartig sind, was eigentlich nicht besonders merkwürdig ist, da Schweden seit dem Unionskrieg 1814 in keine kriegerische Auseinandersetzung mehr verwickelt war.

„Unter anderem haben wir eine große Junkers B 3 aus deutscher Produktion. Im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sind die meisten verschwunden, aber Schweden hat Anfang der 1930er Jahre eine ganze Reihe davon gekauft und das, was wir haben, ist weltweit das einzige erhaltene Exemplar des Flugzeugtyps Junkers JU 86K. Wir besitzen außerdem zwei seltene italienische Flugzeuge, eine Fiat CR.42 Falco, die J 11 der Luftwaffe, und eine Reggiane Re 2000bis, die J 20 der Luftwaffe, und eine der ersten deutschen Heinkel Maschinen, die in Schweden Sk 5 genannt werden, die in den 1960er Jahren in einer Scheune in Småland gefunden wurde”, erzählt Rickard Käsper, der den Traumberuf eines jeden Flugzeugfans hat. Er ist nämlich Intendant der Sammlungen des Museums und bekommt sein Gehalt dafür, umherzulaufen und die etwa 100.000 Objekte des Museums zu putzen – da ist von ausgestellten, eingelagerten, deponierten und flugtauglichen Flugzeugen über Gegenstände aus den verschiedenen Tätigkeitsbereichen des Flottenverbands bis zu Uniformen, Zeichnungen, Textilien, Krankenstubeninventar, technischen Geräten u.a.m. alles dabei.

Wie oft werden diese Flugzeuge ausprobiert? „Die Flugzeuge, die wir hier haben, überhaupt nicht. Sie sind sicher in flugbereitem Zustand, aber es wäre ein enormer Verlust, wenn man sich vorstellt, dass die ältesten davon verunglücken oder beschädigt würden und es gibt vermutlich keine Ersatzteile mehr, um sie zu reparieren. Also das wagen wir uns mit Sicherheit nicht.”

Aber sicher wäre es der absolute Kassenschlager, Flüge mit den alten Raritäten anzubieten. „Ja, sicher. Und wir merken ja auch, dass unsere Flugtage unglaublich viele Leute anziehen. Wir sponsern Swedish Air Force Historic Flight in Såtenäs mit und wir besitzen eine große Zahl von deren Flugzeugen. Aber es handelt sich nur um Flugshows, so dass ich nicht glaube, dass das auch Privatpersonen zugänglich ist.”

Wie viele alte schwedische Flugzeuge gibt es noch draußen im Land? „Haha, man findet immer neue. Das ist ziemlich bemerkenswert. Ganz plötzlich kann man darüber ins Gespräch kommen, dass da jemand ein Kampfflugzeug Draken im Garten stehen hat! Es scheint einige Leute zu geben, die die Gelegenheit genutzt und sich ein Flugzeug mit nach Hause genommen haben, als Fliegerverbände aufgelöst wurden oder Ähnliches”, so Rickard Käsper. Etwaige epische Kämpfe in der Luft zur Verteidigung des schwedischen Reichs gab es nicht, jedenfalls keine, von denen die Öffentlichkeit Kenntnis erhalten hat. Die Frage, welche Bedeutung die schwedischen Luftstreitkräfte in moderner Zeit eigentlich für das Land haben, ist berechtigt. Oder, wenn Sie so wollen, umgekehrt ausgedrückt: Was wäre Schweden heute ohne seine Luftwaffe? Tatsache ist, dass Schweden Ende der 1950er Jahre und Anfang der 1960er Jahre gut gerüstet war, seine Neutralität mit den viertgrößten Luftstreitkräften der Welt zu verteidigen und während des gesamten Kalten Kriegs international gut dastand. Die entsprechenden Beweise gibt es im Luftwaffenmuseum.


Text: Albin Wiberg