Eins mit der Natur

Es regnet. Die Tropfen fallen mit einem leicht platschenden Geräusch sanft auf das Laub der Bäume – ein angenehmes Filter, Lichtjahre von Instagram entfernt. Ein tiefer Atemzug aus frischer, unverkennbar schwedische Natur. Oder Urnatur, wenn man so will.

Es ist 14 Jahre her, dass Ulrika Krynitz und Håkan Strotz die erste Kiefer entästet haben, um ihr umweltbewusstes Megaprojekt Urnatur Walderemitage fertigzustellen, das vor sieben Jahren eröffnet wurde. Damals zwei Pioniere des Ökotourismus, heute ein gelebter Maßstab innerhalb der international ständig wachsenden Branche.

Daher war es kaum eine Überraschung, dass sie den Grand Travel Awards Ökotourismuspreis 2012 gewonnen haben oder dass Urnatur vom großen deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel als eins von Schwedens tollsten grünen Reisezielen bewertet wurde. Es sind eher nur zwei weitere Belege für die echte Lebensphilosophie und dafür, dass die Geschäftsidee ideal in die Zeit passt. Alle sind zufrieden. Bald auch Ulrika und Håkan.

Håkan hat lediglich Zeit für ein kurzes Hallo, bevor er sich auf den Weg nach Stockholm machen muss, um an einem Event für umweltfreundlichen Tourismus auf dem Hauptbahnhof teilzunehmen.

„Am liebsten halte ich mich hier auf dem Hof auf, aber manchmal muss man raus und sich unter normale Leute mischen“, sagt er mit einem etwas selbstkritischen Lachen.

Es ist verlockend-gefährlich leicht zu glauben, dass Håkan Strotz und Ulrika Krynitz Paradebeispiele für rückwärtsgewandte grüne Aussteiger sind. Ein Vorurteil, das nicht falscher sein könnte. Bei Urnatur geht es volle Fahrt voraus. Hier trifft man die Zukunft und nicht die Vergangenheit, mit der Natur als natürlichem Verbindungsglied der Geschäftstätigkeit, ja, der gesamten Existenz.

„Wir sind nicht besonders gut darin, uns selbst zu loben. Wir haben in Deutschland eine Auszeichnung als eins der 100 besten Hotels in Europa bekommen und als eins der zehn besten in unserer Kategorie. Sie haben uns ein Schreiben geschickt, das wir irgendwo hinhängen könnten, aber ich weiß nicht, ob wir das so an die große Glocke hängen wollen. Leute, die hierher kommen, sollen sich ein eigenes Bild machen. Wir reden nicht so sehr viel darüber, dass alles ökologisch nachhaltig ist und aus lokaler Produktion stammt. Für uns ist das selbstverständlich. Aber es hat sich viel verändert. Vor fünf Jahren galten wir als etwas schräg und merkwürdig und die Leute haben sich gefragt, wie es wohl mit unserem „Steinzeitdorf” weitergehen wird, aber heute sind sich alle, die etwas damit vertraut sind, einig, dass die Klimaveränderungen ein ernsthaftes Problem darstellen, das wir angehen müssen.“

HÅKAN IST DER EXTROVERTIERTE Forstmeister, Naturkundelehrer, Ideengeber und Praktiker, der nichts dagegen hat, neue, scheinbar unmögliche Projekte in Angriff zu nehmen, und Ulrika ist die Biologin, Künstlerin, Visionärin und Realistin. Ah, ehrlich gesagt trifft das alles ein bisschen auf beide zu. Eine perfekte Symbiose, die ihr richtiges Element gefunden hat – Holavedskogen einige Kilometer außerhalb von Ödeshög.

Jetzt ist es Zeit, Ulrikas kulinarische Künste zu testen. Wir gehen in die Hocke und steigen durch die niedrige Tür in die Essstube. Hinter einem Vorhang klappert es, es wird gebraten und gequatscht. Ulrikas Tochter Siri hilft an diesem Abend. Sie hat kürzlich das Gymnasium beendet und arbeitet seitdem auf dem Hof mit, abgesehen von einem Aufenthalt in Berlin.

Das Feuer im offenen Kamin wärmt und trocknet die durchnässte Kleidung, die wir am Körper tragen. Die Flammen der Stearinkerzen flattern aufgrund der Eigenventilation im Haus und bringen Licht ins Dunkel. Nach einer Weile kommt Siri herein und bringt eine hohe Glaskaraffe mit Wasser, die sie in die Mitte des Tisches stellt.

„Bitte sehr, Birkensaft!“

Ja, was sonst. Wir gießen uns jeweils ein Glas ein und probieren. Der frische, leicht süße Geschmack ist gar nicht übel. Mit verbundenen Augen hätte man den Saft vielleicht für Zuckerwasser gehalten, aber die bloße Vorstellung, dass jeder einzelne Tropfen aus einer angeschnittenen Birke herausgeflossen ist, bewirkt, dass man würdevoll und in Maßen trinkt. Kurze Zeit später erfahren wir endlich, was sich hinter den Gerüchen hinter dem Küchenvorhang, die unseren Hunger angeregt haben, verbirgt. Auf großen Tellern werden uns Lammsteaks vom eigenen Hof mit Zwiebelbutter und einer himmlisch-guten Mischung aus Roter Beete, Topinambur, Pilzen und Sonnenblumensamen serviert. Dazu eine Flasche Raccolto Cabernet Sauvignon – natürlich aus ökologischem Anbau.

 

Der Geschmack ist märchenhaft gut. Rustikal, hausgemacht, gesund, mit einer Würzmischung, die die natürlichen Geschmacksnoten hervorhebt. Die Stimmung trägt natürlich ihren Teil bei. Als Nachtisch wird uns ein lieblich weicher Panna cotta mit Obstkompott angeboten. Ein perfekter Abschluss des Abendessens.

Ulrika kommt nach draußen und setzt sich zu uns. Wir reden über die Philosophie, die dem Projekt Urnatur Walderemitage zugrunde liegt.

„Es hat eine Weile gedauert, bis sich das Konzept durchgesetzt hat und die Leute verstanden haben, was wir machen und wofür. Die Idee besteht ja darin, dass das Geschäft vom Hof ausgeht und wir das nutzen, was der Hof bietet. Wir servieren ausschließlich Lammfleisch aus eigener Produktion und, soweit möglich, selbst angebautes Gemüse und Kräuter und eigene Eier. Wir ergänzen das natürlich mit anderen Dingen, aber der Hof bildet die Basis.“

„Wir interessieren uns sehr für Naturschutz und biologische Vielfalt und dadurch, dass wir von und auf einem Hof leben – der, wie man heute sagt, zu klein ist, um davon leben zu können – leisten wir einen Beitrag für diese beiden Aspekte. Und dank dieser Tatsache haben wir ein Umfeld geschaffen, das Gäste aus der ganzen Welt anzieht. Im besten Fall können wir sie dadurch so beeinflussen, auch ein bisschen darüber nachzudenken, wie wir leben und wie wir mit unseren Ressourcen in der heutigen Gesellschaft umgehen. Das ist eine Win-Win-Situation.”

Woher kommen eure Gäste? „Aus ganz Schweden und aus der ganzen Welt, aber internationale Gäste kommen vor allem aus den USA, aus der Schweiz und aus Deutschland. Einige nur, um hier ein paar Tage zu bleiben.“

Was denkst du dann? „Das ist ganz toll, aber gleichzeitig bedrückend. Wenn man mit Ökotourismus arbeitet, ist bei Gästen, die von weither kommen, ja der Umweltaspekt ein Problem. Aber meistens kommen sie aus einem anderen Grund nach Schweden und weil sie über uns etwas gelesen haben, versuchen sie, das miteinander zu kombinieren.“

Nichts für ungut, aber was machen eure Gäste, wenn sie hier sind? „Ja, das ist genau das Problem - und das Reizvolle. Wir haben hier jede Menge aufregende Ausflugsziele in der Nähe, aber unsere Gäste wollen einfach nur hier sein. Und das ist an und für sich das, was wir auf unserer Website anbieten, dass man herkommen und einfach die Seele baumeln lassen kann, ankommen und das unmittelbare Umfeld hier erkunden. Es entgeht einem so viel, wenn man versucht, das Angebot ständig zu verbessern.“

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft? „Wir sind eigentlich recht zufrieden. Es besteht ja die Gefahr, sich überzuentwickeln. Wir können nicht mehr als 16 Gäste, die wir verpflegen, aufnehmen und wir haben schon jetzt 23 Schlafgelegenheiten. Es wird alles etwas beschwerlich. Wir wollen das exklusiv Ursprüngliche nicht verlieren.”

Gibt es deshalb kein Schild an der Straße, damit eure Gäste hier in Ruhe gelassen werden? „Ja, wenn sie dafür bezahlen, hier zu wohnen, sollen nicht plötzlich Leute durch den Wald gestapft kommen und durchs Fenster gucken können. Das ist nicht so schön. Aber wer neugierig ist, kann hier seine Unterkunft buchen. Aber es kommt auch vor, dass Leute anrufen und neugierig sind und falls wir dann keine Gäste haben, kommt es vor, dass wir sie herkommen lassen, damit sie sich ein Bild machen können.“

Was macht ihr, wenn ihr euch etwas gönnt? „Wir haben das Gefühl, hier alles zu haben, was wir brauchen. Wenn wir also etwas Ruhe haben, dann finden wir hier auf dem Hof so viele herrliche Orte, an denen wir uns aufhalten können, dass wir einfach das genießen, was wir uns geschaffen haben.“

Das Projekt Urnatur ist euer Lebenswerk? „Ja, auf eine Art sind wir hier wohl fest eingebunden, aber gleichzeitig sind wir beide sehr darauf bedacht, uns vor Augen zu halten, dass wir dies hier selbst gewählt haben. Und sollte uns das mal überwerden und wir das Gefühl bekommen, keine Lust mehr zu haben, dann wird das nicht mehr funktionieren. Dann werden wir das hier an jemand anderen abgeben müssen.“

Da die raue Luftfeuchtigkeit mir unter die Haut gekrochen ist, runde ich den Abend mit einem schönen Stündchen in der mit Holz befeuerten Sauna ab. Nur mit einem Handtuch bekleidet, tappe ich anschließend mit schnellen Schritten zu meinem Holzhaus zurück. Es ist stockdunkel, so dass ich mich am Licht der entzündeten Petroleumlampe orientiere, die Licht durch die Fenster wirft und das Haus aussehen lässt, als ob Holavedskogen neugierigen Besuch aus dem Weltall bekommen hat.
Weltall bekommen hat.


Text: Albin Wiberg
Foto: Johnny Franzén und Ulrika Krynitz